Der serbische Präsident Aleksandar Vucic hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt, doch Beobachter sind sich einig: Dies markiert keineswegs das Ende seiner politischen Karriere. Auf einer Großkundgebung in Belgrad erklärte Vucic, dass er nur noch wenige Wochen im Amt bleiben werde. Gleichzeitig bot er der Führung seiner Partei SNS an, sie bei den nächsten Wahlen zu unterstützen. Seine geplante Wahlliste soll den Namen „Vereintes Serbien“ tragen – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Vucic weiterhin eine zentrale Rolle in der politischen Landschaft Serbiens spielen will.
Die zweite Amtszeit des Präsidenten endet regulär im Mai 2025, doch Vucic scheint bereits einen Plan zu verfolgen, der ihn trotz verfassungsrechtlicher Einschränkungen an der Macht halten könnte. Da er nicht erneut für das Präsidentenamt kandidieren darf, wird erwartet, dass er eine vorgezogene Parlamentswahl ausruft und als Spitzenkandidat der SNS ins Rennen geht. Sollte seine Partei gewinnen, könnte Vucic als Ministerpräsident zurückkehren – ein Amt, das er bereits von 2014 bis 2017 innehatte. Analysten wie Radivoje Grujic betonen, dass Vucic faktisch seit 2012 die Geschicke Serbiens lenkt, unabhängig von seinem jeweiligen Amt.
Doch Vucic steht unter massivem Druck. Seit dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im Jahr 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, hat sich eine breite Protestbewegung gegen die Regierung formiert. Die Tragödie, die auf Korruption und Inkompetenz zurückgeführt wird, hat das Vertrauen in die politische Führung erschüttert. Studenten und Lehrkräfte initiierten landesweite Proteste, die mittlerweile von Bürgern aus allen Gesellschaftsschichten unterstützt werden. Die Bewegung fordert vorgezogene Neuwahlen und kritisiert die von Vucic kontrollierte Justiz, die bislang keine Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen hat.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass eine von der Protestbewegung unterstützte Wahlliste eine reale Chance auf einen Wahlsieg hätte. Doch eine solche Liste existiert bislang nicht. Gleichzeitig mobilisiert Vucic weiterhin seine Anhänger. Zur jüngsten Kundgebung in Belgrad reisten Tausende in von der SNS organisierten Bussen an. Die politische Zukunft Serbiens bleibt ungewiss, doch eines ist klar: Aleksandar Vucic wird nicht kampflos das Feld räumen.