Portugal in den 1990er-Jahren: Ein Land im Griff einer verheerenden Heroin-Epidemie. Die Straßen von Lissabon waren geprägt von Beschaffungskriminalität, steigenden HIV-Infektionen und einer alarmierenden Zahl von Drogentoten. Die Situation schien aussichtslos, bis eine Gruppe von Experten um den Arzt João Goulão eine revolutionäre Idee vorstellte: Drogenkonsum sollte nicht länger als kriminelles Vergehen, sondern als gesundheitliches Problem betrachtet werden. Diese radikale Neuausrichtung der Drogenpolitik markierte den Beginn eines beispiellosen gesellschaftlichen Experiments.
Seit 2001 ist der Besitz kleiner Mengen von Drogen in Portugal entkriminalisiert. Wer mit maximal zehn Tagesdosen erwischt wird, landet nicht mehr vor Gericht, sondern in Beratungszentren. Dort erhalten Betroffene Unterstützung von Medizinern und Sozialarbeitern. Das Ziel: Hilfe statt Strafe. Ein zentraler Bestandteil dieses Ansatzes ist die Bereitstellung von Methadon für Schwerstabhängige. Täglich fahren zwei Busse durch Lissabon, um etwa tausend Menschen mit dem Ersatzstoff zu versorgen. Für viele, wie den 57-jährigen Theodor, ist dies ein Rettungsanker. „Ohne dieses Programm müsste ich stehlen, um zu überleben“, sagt er.
Doch die Maßnahmen gehen weit über die Methadon-Vergabe hinaus. In speziellen Zentren können Suchtkranke duschen, essen und unter Aufsicht Drogen konsumieren. Krankenschwestern und Pfleger helfen dabei, um Verletzungen und Infektionen zu vermeiden. Marco Carvalho, ein Krankenpfleger in einem solchen Zentrum, beschreibt die Herausforderung: „Natürlich fühlt es sich zunächst seltsam an, Süchtigen zu helfen, eine Vene zu finden. Aber was ist die Alternative? Ohne uns würden sie sich in Gebüschen schwer verletzen.“
Die Ergebnisse dieser Politik sind bemerkenswert: Die Zahl der Drogentoten ist drastisch gesunken, HIV-Infektionen durch unsaubere Nadeln wurden stark reduziert, und die Beschaffungskriminalität hat abgenommen. Doch es gibt auch Kritik. Gegner bemängeln, dass der Drogenhandel weiterhin floriert und die Verfügbarkeit von Drogen in Lissabon ungebrochen ist. Dennoch bleibt Portugals Ansatz ein weltweit beachtetes Modell, das zeigt, wie ein humaner Umgang mit Suchtproblemen aussehen kann.
Die portugiesische Drogenpolitik ist nicht nur ein Beispiel für pragmatische Lösungen, sondern auch ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit. Sie erinnert uns daran, dass hinter jeder Sucht ein Mensch steht, der Hilfe und Verständnis verdient. Nach 25 Jahren ist klar: Dieser Weg hat Leben gerettet und eine Gesellschaft verändert.